EPILOG - Ein Jahr später

Jonas Keller - Miteigentümer von Frost & Flamme

Der Dezember lag wieder über der Stadt. Lichterketten spannten sich über die Straßen, auf den Märkten dampfte Glühwein in der kalten Luft. Ein Jahr war vergangen seit jener Nacht im „Frost & Flamme“.

Der Gemeinschaftsraum roch nach Heizungsluft und dünnem Kaffee. Jonas Keller saß an einem Metalltisch, vor ihm ein aufgeklapptes Heft, das er nicht las. In der Ecke lief ein kleines Radio, irgendeine Playlist, zusammengestellt von jemandem, der Weihnachten für Hintergrundrauschen hielt.

 

Ein Lied setzte ein, Glocken im Intro, dann ein Chor. Nicht ihr Jingle, nicht dieser verhasste Refrain – und doch spannte sich etwas in ihm an, als hätte jemand im Flur hinter der Bühne das Licht wieder angeknipst. Ein Schritt, ein Stoß, der dumpfe Aufprall, dann die Stille, als der Song abrupt abbrach. Dieser Moment hatte jetzt eine Aktennummer, ein Urteil, eine Strafhöhe. Für andere war die Geschichte damit zu Ende erzählt.

 

Er sah auf seine Hände. Von außen wirkten sie wie die Hände eines Gastronomen: schwielig, aber gepflegt. Nur er wusste, wie schwer sie sich anfühlten, seit dieser Nacht. Der Richter hatte von „Kontrollverlust“ gesprochen. Jonas dachte eher an Jahre, in denen er geschwiegen hatte, bis ein einziger Augenblick alles nachholte.

 

Im Radio wechselte das Lied. Ein anderer Refrain, eine andere Stimme. Jonas atmete langsam aus. Der frühere Song gehörte jetzt zu einem geschlossenen Fall und zu einem Mann, der nicht mehr auf irgendeiner Bühne stehen würde. Er war noch da, als Erinnerung, aber nicht mehr als Hymne, die den ganzen Raum beherrschte. Zum ersten Mal seit Langem war der Dezember laut – und der Jingle nur noch in seinem Kopf.

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