EPILOG - Ein Jahr später

Lena Berger - die Ermittlerin

Der Dezember lag wieder über der Stadt. Lichterketten spannten sich über die Straßen, auf den Märkten dampfte Glühwein in der kalten Luft. Ein Jahr war vergangen seit jener Nacht im „Frost & Flamme“.

Im Flur der Mordkommission flackerte eine günstige Lichterkette über dem Whiteboard. Unter all dem Weihnachtsschmuck standen in dicker Schrift Fallnummern und Namen, zum Teil schon wieder halb weggewischt. Lena Berger schob eine beschriftete Akte in das Regal zurück. „Frost & Flamme“, ein Datum, ein Strich. Abgeschlossen.

 

Auf dem Papier war alles sauber sortiert: Tathergang, Beweismittel, Geständnis. Kein Platz für das kurze Zögern, als sie damals fast bereit gewesen war, den bequemsten Verdächtigen nach oben ins Formular zu schreiben. Und auch keiner für das Gesicht der Kellnerin, als diese sich doch noch einmal gemeldet hatte.

 

Draußen vor dem Präsidium blieb Lena kurz stehen. Die Luft war kalt, über der Stadt glitzerte der Weihnachtsmarkt wie ein zu hell eingestellter Filter. Irgendwo dazwischen lag das ehemalige „Frost & Flamme“. Sie war ein paarmal daran vorbeigekommen: Der Schriftzug abmontiert, die Fenster dunkel, ein vergilbtes Schild mit „Neukonzeption – Eröffnung bald“. Bald war längst vorbei.

 

Sie hatte schon viele Tatorte gesehen, die wieder zu normalen Orten wurden: Büros, Küchen, Hinterhöfe. Aber hier blieb etwas haften. Vielleicht, weil es einer der Fälle war, in denen sie den falschen Weg noch rechtzeitig verlassen hatte. Der alte Fehlurteil-Fall stand wie ein Schatten hinter diesem Winter; diesmal war niemand in diesen Schatten verschwunden, nur weil es der leichtere Weg gewesen wäre.

 

Lena zog den Mantel enger und ging los. Es würden neue Namen auf dem Whiteboard auftauchen, neue Fehler lauern. Unvermeidbar. Aber sie wusste jetzt, wie viel Gewicht eine einzige Aussage haben konnte – und wie leise Entscheidungen fielen, die am Ende über Schuld und Unschuld entschieden.

German Audio



English Audio

empty