EPILOG - Ein Jahr später

Mia Novak - Servicekraft im Frost & Flamme

Der Dezember lag wieder über der Stadt. Lichterketten spannten sich über die Straßen, auf den Märkten dampfte Glühwein in der kalten Luft. Ein Jahr war vergangen seit jener Nacht im „Frost & Flamme“.

Die Hotellobby war hell und glatt, alles glänzte ein bisschen zu sehr. Mia Novak stellte zwei Kaffeetassen auf den Tresen, rückte eine Deko Schale zurecht und warf einen Blick zur Eingangstür. Gäste kamen mit Rollkoffern herein, schüttelten Schnee von den Schultern, suchten nach ihrem Namen auf Reservierungslisten. Im Hintergrund spielte leise Klaviermusik, so generisch, dass sie sich nach wenigen Sekunden wieder verflüchtigte.

 

Das mochte sie: Musik, die nichts von ihr wollte.

 

In der Innentasche ihrer Jacke steckte ein gefalteter Brief. „Wir danken Ihnen für Ihre entscheidende Aussage“, stand darin, in bürokratisch höflichem Ton. Kein Angebot, kein Schutzprogramm, nur Worte. Aber sie waren das Gegenteil des Zettels, den man ihr damals in den Spind gelegt hatte. Und das genügte.

 

Auf dem Heimweg saß sie im Bus am Fenster. Die Stadt zog vorbei: Lichter, Schaufenster, Menschen mit Tüten. Als der Bus an der dunklen Fassade vorbeifuhr, in der einmal das „Frost & Flamme“ geleuchtet hatte, spürte sie ein kurzes Ziehen in der Brust. Kein Name mehr über der Tür, nur leere Fenster und ein Aufkleber mit einer längst verpassten Eröffnungsankündigung.

 

Sie sah hin – einen Herzschlag lang –, dann drehte sie den Kopf weg. Dort drinnen war jemand gestürzt, dort drinnen hatte jemand geschwiegen, dort hatte sie schließlich die Stimme erhoben. Den Job hatte sie verloren, ja. Aber jemand anderes hatte seine Rolle nicht länger verstecken können, und ein Unbeteiligter musste nicht für die falsche Geschichte zahlen.

 

Im Spiegel der Fensterscheibe sah sie ihr eigenes Gesicht, müde, aber klar. Die Musik im Bus war aus, nur der Motor brummte. Kein Refrain, der sich aufdrängte, keine eingängige Melodie, die alles übertönte. Nur der leise Rhythmus einer Stadt im Dezember – und ihr eigener Atem, der ruhig ging.

 

Unter all dem Lichterglanz, dachte sie, konnte man nicht verhindern, dass die Wahrheit wehtat. Aber man konnte entscheiden, auf Wessen Kosten.

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