Die Auflösung

Was bisher geschah:

Ermittlerin Lena Berger erhält eine anonyme Warnung über eine drohende Gefahr bei einem Charity-Event im Lokal „Frost & Flamme“, wo später ein Mitinhaber tot aufgefunden wird. Unter Druck von Vorgesetzten untersucht Lena die Verbindung zwischen der Warnung und dem Mord und bemerkt die ungewöhnlich kontrollierte Reaktion von Jonas Keller. Trotz formaler Beweise gegen einen Verdächtigen, die auch der Staatsanwalt erwartet, zweifelt Lena an der Richtigkeit dieser Schlussfolgerung, insbesondere nach neuen Details einer Zeugin, die eher auf Jonas Keller deuten. Lena entscheidet sich, die anonymen Hinweise und die Tonaufnahmen erneut zu prüfen, um sicherzustellen, dass sie keinen Fehler begeht.

Der Vernehmungsraum war still, als hätte selbst das Gebäude den Atem angehalten. Draußen funkelten vereinzelt Weihnachtssterne in den Fenstern der Stadt. Hier drinnen leuchtete nur die kleine Lampe über dem Tisch, in deren Licht Jonas Keller fahl wirkte.

 

Vor ihnen lag ein Laptop, der Cursor auf einem eingefrorenen Bild: Jonas auf der Restaurantbühne, Mikro in der Hand, der Tote neben ihm, lachend. Im Hintergrund die Musikanlage, ein kleiner blinkender Punkt. Der Mitschnitt, den Mia gebracht hatte, hatte mehr gezeigt als jede Zeugenaussage.

 

Lena hatte die Tonspur dutzende Male gehört. Die euphorische Ankündigung des Toten, der Beginn des schrecklichen Weihnachtssongs, das erzwungene Lachen der Gäste. Später, im Hinterzimmer, das dumpfe Pochen, eine erstickte Auseinandersetzung, der Aufschlag eines Körpers auf Holz. Dann: ein letzter, abgehackter Ton, als jemand im Fallen gegen die Anlage geriet und „Jingle Frost“ verstummen ließ.

 

„Es war ein Unfall“, sagte Jonas jetzt, ohne dass sie gefragt hatte. Seine Stimme klang brüchig, nicht mehr geschliffen. „Ich wollte ihn nur zum Schweigen bringen. Nur diesen einen verdammten Moment.“

 

Lena dachte an die anonymen Zeilen: Unter all eurem Lichterglanz fault die Wahrheit. Jemand hatte es gewusst, bevor das Blut trocknete. Jemand, der den Hass kannte, den dieser Abend in den Wänden gesammelt hatte.

 

Sie ließ Jonas’ Worte stehen, schrieb sie in das Protokoll, so nüchtern wie möglich. Draußen würden andere darüber urteilen, wie viel Unfall, wie viel Absicht darin lag.

 

Als sie später das Präsidium verließ, war die Luft klar und kalt. Über der Stadt hing ein fahler Mond, zwischen den Dächern blinkten vereinzelte Lichterketten. Lena blieb einen Moment stehen.

 

Dieses Jahr würde jemand tatsächlich nicht nach Hause gehen. Aber zum ersten Mal seit Langem hatte sie das Gefühl, die falsche Person nicht im Visier gehabt zu haben.

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